
Assoz.-Prof. Dr. Jan M. Stratil ist Associate Professor und Leiter des Programms „Klimawandel und Gesundheit“ am Institut für Public Health, Medizinische Entscheidungsfindung und Health Technology Assessment an der UMIT TIROL – Universität für Gesundheitswissenschaften und Gesundheitstechnologie in Hall in Tirol, Österreich.
Jan Stratil studierte Medizin (Staatsexamen) und Geographie (Bachelor of Science) an der Universität Tübingen, Deutschland, wo er auch seine medizinische Doktorarbeit im Bereich der Versorgungsforschung abschloss. Anschließend arbeitete er in der Arbeitsgruppe Evidenzbasierte Public Health an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie bei Cochrane Public Health Europe mit einem Schwerpunkt auf systematischen Übersichtsarbeiten zu Public-Health-Interventionen. An der LMU absolvierte er zudem seine Promotion in Public Health und Epidemiologie mit dem Schwerpunkt Leitlinienentwicklung für komplexe Public-Health-Interventionen. Seit 2021 war er am Robert Koch-Institut in Berlin im Bereich der Infektionsepidemiologie tätig und schloss dort auch ein Masterstudium in Angewandter Epidemiologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin ab, bevor er 2023 an die UMIT TIROL wechselte.
Die aktuellen Forschungsschwerpunkte von Jan Stratil liegen auf den Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit, den unerwünschten und unbeabsichtigten Folgen von Public-Health-Interventionen sowie auf verschiedenen Fragen und Themen im Bereich der kausalen Inferenz und Entscheidungsfindung zu komplexen Public-Health-Interventionen.
Das stumpfe Schwert der Wissenschaft: Meta-Analysen und systematische Übersichtsarbeiten als verkleidete Autoritätsargumente
In der skeptischen Bewegung betrachten wir wissenschaftliche Erkenntnisse als verlässliches Fundament zur Erklärung der Welt. Doch angesichts der scheinbar unzähligen, oft widersprüchlichen Studien und unserer begrenzten Zeit sowie fachlichen Expertise fällt es schwer, zu jedem Thema eine fundierte wissenschaftliche Meinung zu bilden. Hier bieten systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen – besonders nach Cochrane-Standard – einen Ausweg: Fachexpert:innen durchsuchen Tausende Studien, trennen die Spreu vom Weizen und liefern das beste verfügbare Wissen über die Wirksamkeit von (vermeintlichen) Heilmitteln oder Maßnahmen. So gelten sie als starkes argumentatives Werkzeug, um Schwurbel zu widerlegen und Evidenz gegen Pseudowissenschaft ins Feld zu führen.
Doch was, wenn dieses vermeintlich scharfe Schwert der Wissenschaft stumpf wird? Was, wenn selbst Cochrane-Reviews – trotz ihres Goldstandard-Status – plötzlich selbst schwurbeln? Und wie können wir erkennen, dass eine systematische Übersichtsarbeit tatsächlich zu einem Autoritätsargument im wissenschaftlichen Gewand verkommen ist?
Diese Fragen werde ich anhand von zwei Cochrane-Reviews beleuchten. Der erste, ein Review aus dem Jahr 2023, klassifiziert Masken in der Coronapandemie als „nicht wirksam“ und wird bis heute als wissenschaftlicher Beweis gegen die Wirksamkeit bevölkerungsbezogener Schutzmaßnahmen zitiert. Der zweite Review betrifft die Wirksamkeit kohlenhydratarmer Diäten, der unter anderem die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung beeinflusste. Beide Fallbeispiele zeigen, wie selbst bei Übersichtsarbeiten, die als hochwertig gelten und mehrfaches Peer-Review durchlaufen haben, subjektive Entscheidungen der Autor:innen die Ergebnisse beeinflussen können – was in der komplexen Methodik jedoch vielfach untergeht.
In dem Vortrag werden exemplarisch Werkzeuge vorgestellt, mit denen verlässlichere von weniger verlässlichen Studien unterschieden werden können – ganz ohne Statistikkenntnisse. Abschließend gehe ich auf das größere Problem ein: Unser Vertrauen in die Wissenschaft als verlässliche Methode hängt unweigerlich vom Vertrauen in die Integrität der Wissenschaftler:innen und wissenschaftlicher Institutionen ab. Doch wissenschaftlicher Aktivismus – egal wie erhaben die Ziele sind, die er verfolgt – kann das Fundament dieses Vertrauens erodieren und dazu führen, dass selbst die beste Synthese von Erkenntnissen kein Vertrauen mehr gewinnt.


