
Dr. habil. Benedikt Wisniewski ist Schulpsychologe, Supervisor und Coach. Er war lange als Lehrer und in der Lehrerbildung tätig und forschte zum Thema Feedback. Als Fachbuchautor und in seinem Podcast „Psychologie fürs Klassenzimmer“ beschäftigt er sich mit psychologischen Themen im Kontext Schule.
Kritisches Denken – Wie die Institution Schule eine Kompetenz vermitteln soll, die sie selbst nicht anwendet (2026)
Die OECD markiert kritisches Denken als einen der sogenannten 21st century skills und fordert von der Institution Schule, Lernenden diese Fähigkeit beizubringen. Kritisches Denken als Form des zielgerichteten, problemorientierten Denkens, bei der eine Person Ideen oder mögliche Lösungen auf Fehler oder Schwachstellen überprüt (APA),
- wird als Fertigkeit aufgefasst, die für das 21. Jahrhundert in besonderer Weise relevant sei,
- wird als generische, also als universelle Fertigkeit aufgefasst, die unabhängig von einem spezifischen Kontext oder einer bestimmten Aufgabe anwendbar und von Bereich zu Bereich transferierbar sei und
- wird als Fertigkeit aufgefasst, die durch schulische Maßnahmen gefördert werden kann, die bekannt seien.
Alle drei Prämissen halten einem kritischen Denken nicht stand. Warum das so ist, soll in diesem Vortrag erläutert werden. Es geht darum, zu zeigen, dass das Verständnis eines förderbaren generischen skills aus psychologischer Perspektive problematisch ist und durch bisherige kognitionspsychologische Forschung nicht gestützt wird. Es soll außerdem gezeigt werden, dass es für die Förderung kritischen Denkens durch das System Schule bisher kaum belastbare Befunde gibt und viele gängige Ansätze nicht substantiiert sind. Und nicht zuletzt geht es darum, wie bei dem Versuch der Förderung kritischen Denkens dadurch ein Dilemma entsteht, dass gerade die Berufsgruppe, die für die Förderung verantwortlich gemacht wird – Lehrerinnen und Lehrer – diese Form des Denkens in Bezug berufsspezifische Merkmale selbst kaum anwendet.
Pädagogik zwischen Wissenschaft und Mythenbildung (2016)
Pädagogische Mythen sind allgegenwärtig – in Form von Phrasen und Floskeln, die es irgendwie geschafft haben, pädagogisches Allgemeingut zu werden, ohne einer empirischen Prüfung standzuhalten. Eine Mythenbildung ist aber nur dort möglich, wo Wissenschaft versagt.
In dem Vortrag soll anhand von einigen prominenten Beispielen wie den Lerntypentests, dem cone of learning, oder dem Lernen mit allen Sinnen gezeigt werden, wie es Konzepte, die, was ihre Wirksamkeit betrifft, jeglicher empirischer Evidenz – und in vielen Fällen auch jeglicher logischer Begründbarkeit– entbehren, trotzdem geschafft haben, Teil des pädagogischen „Alltagswissens“ und auch Teil der schulischen Realität zu werden. Dabei soll zum einen darauf eingegangen werden, welche Defizite diese Annahmen im Detail haben, zum anderen aber auch, warum sie sich überhaupt durchsetzen und behaupten können. Hierbei werden die Eigenarten der Pädagogik als Wissenschaft eine Rolle spielen bzw. der Wissenschaftscharakter dieser Disziplin insgesamt zu hinterfragen zu sein.
Der schul-und bildungspolitische Diskurs wurde in jüngster Vergangenheit durch mehrere Bestseller zum Massenthema – beispielsweise durch Werke von Richard David Precht, Jesper Juul oder Gerald Hüther angefacht. Deren Werken ist gemein, dass reformpädagogische Ideen des letzten Jahrhunderts durch angeblich neue Erkenntnisse der Pädagogik und ihrer Nachbardisziplinen als richtig belegt werden. Die Argumentation ist dabei oft ein „Wedeln mit qualmenden Klischeefackeln“ (FAZ), denn viele der aufgegriffenen Ideen und Begrifflichkeiten der Reformpädagogik sind in Wirklichkeit Worthülsen, die unzureichend oder gar nicht durch Forschung abgesichert wurden. In vielen Fällen werden pädagogische Ideen referenziert, die von vielen Personen intuitiv als richtig akzeptiert werden, die sich bei genauerem, skeptischem Hinsehen aber als widerlegbar herausstellen. Dass fachfremden Autoren von Vertretern der Pädagogik hier kaum etwas entgegengesetzt wird, offenbart die Gründe, warum diese Wissenschaft unter einem eklatanten Anerkennungsdefizit leidet.
Da das Thema Schule die allermeisten Menschen betrifft, richtet sich dieser Vortrag an ein breites Publikum. Sowohl Wissenschaftler und Lehrer als auch Eltern und Schüler werden angesprochen.


